Freitagabend. Du schließt die Salontür ab. Die Woche war krass. Kalender voll, Team gut drauf, Kasse stimmt. Vielleicht sogar Rekordmonat.
Du sitzt im Auto, guckst auf die Zahlen. Und für genau zwei Sekunden denkst du: geil. Das haben wir wirklich gemacht.
Da ist er. Dieser kurze Moment von Stolz.
Und dann lehnst du dich vor. Fängst an zu rechnen. Kosten, Steuern, Löhne, Ware. Öffnest gedanklich schon den nächsten Monat, suchst nach den Lücken im Terminbuch.
Zehn Minuten später fühlt sich dieser beste Monat nicht mehr wie ein Erfolg an. Er fühlt sich an wie etwas, das du jetzt verteidigen musst.
Der Gedanke, mit dem du nach Hause fährst, ist nicht: ich kann das, ich habe was Geiles aufgebaut. Der Gedanke ist: mal sehen, ob ich das halten kann.
Kennst du das?
Nicht Geld. Energie.
Dein Salon läuft. Von außen betrachtet ist dein Können nicht die Frage. Die Tür geht morgens auf, das Telefon klingelt, Stammkunden kommen wieder. Du hast Krisen überstanden, Personalprobleme gelöst, Preise kalkuliert. Dein Unternehmen existiert nicht zufällig seit Jahren.
Aber innerlich fühlt sich das nicht wie fester Boden an. Es fühlt sich an wie etwas, das du jeden Tag neu beweisen musst.
Dein Erfolg ist weiter als dein inneres Erlaubnisgefühl.
Und das zeigt sich in ganz bestimmten Momenten. Ich nenne sie Schwellenmomente.
Du hast Ideen. Schon lange. Ein Raum mehr, zwei Plätze weniger, ein Umbau, ein neues Salongefühl. Du stehst da mit dem Zollstock, misst aus, machst ein Foto. Du hast eine Skizze. Du hast ein Pinterest Board. Und für einen Moment ist dieser geilere Salon fast real.
Dann legst du den Zollstock weg.
Erst muss das Team stabiler sein. Lass mal abwarten, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Lass mal gucken, ob wir das überhaupt halten können.
Die Argumente sind nicht gelogen. Aber in Wahrheit benutzt du sie, um nicht fühlen zu müssen, was darunter liegt.
Denn wenn du diese Wand wirklich einreißt, dann gibt es keinen unsichtbaren Wunsch mehr. Dann hast du dich entschieden, eine Frau zu sein, die mehr will. Und davor hast du Schiss.
Du kommst morgens ein paar Minuten später. Durch die Glastür siehst du: Licht an, Lächeln an der Rezeption, erste Kundin sitzt schon, Kaffee läuft. Niemand wartet hektisch darauf, dass du den Tag rettest.
Eigentlich genau das, was du immer wolltest.
Und trotzdem kommt dieses leise Ziehen im Bauch. Dann brauchen die mich ja gar nicht.
Also gehst du rein und findest fast sofort irgendetwas, das du korrigieren oder übernehmen kannst. Nicht böse gemeint. Aber du stellst unmerklich die alte Ordnung wieder her.
Denn wenn du unentbehrlich bist, weißt du, wer du bist. Wenn nicht, musst du die Frage beantworten, wer du dann eigentlich bist.
Du erhöhst deine Preise. Eine Stammkundin sieht den neuen Preis und hebt kurz die Augenbraue. Sie sagt: oh, das ist aber ganz schön teuer geworden. Mehr nicht. Sie zahlt, ohne weiteres Wort.
Aber in dir vergehen drei Sekunden, die sich anfühlen wie Stunden. Deine Stimme wird leiser, du fängst an zu rechtfertigen. Gestiegene Kosten, bessere Produkte. Du ärgerst dich, während du sprichst.
Und abends erinnerst du dich nicht an die acht Kunden, die den Preis ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt haben.
Du erinnerst dich nur an diese eine Augenbraue. Und machst daraus eine Prognose für die gesamte Zukunft deines Salons.
Warum behandeln wir einen guten Monat wie einen glücklichen Zufall, aber einen schlechten Moment wie den ultimativen Beweis, dass wir noch nicht genug sind?
Weil wir uns mit einem Satz beruhigen.
Eigentlich läuft es ja.
Dieser Satz ist wahr. Und genau deshalb ist er so gefährlich. Er beruhigt dich. Er erinnert dich daran, dankbar zu sein. Er schützt dich davor, dich wie jemand zu fühlen, der den Hals nicht vollkriegt.
Aber nach diesem Satz bleibt immer etwas offen. Du sagst ihn nicht, weil du wirklich zu 100 Prozent zufrieden bist. Du sagst ihn, weil er dich davor schützt, den nächsten Schritt zu gehen.
Du weißt, dass du die Preise anpassen müsstest. Du weißt, dass du dieses eine Gespräch mit der Mitarbeiterin führen müsstest. Du weißt, dass du eine Aufgabe abgeben müsstest.
Du weißt es. Aber du machst es nicht.
Nicht weil dir das Wissen fehlt. Sondern weil du dir von Dingen im Außen die Sicherheit erhoffst, die du dir selbst noch nicht gibst.
Du fürchtest nicht den Erfolg.
Du fürchtest, dass du nicht gut genug bist, oben zu bleiben.
Und dann bleibst du in diesem merkwürdigen Zwischenzustand hängen. Zu erfolgreich, um dich wie eine Anfängerin zu fühlen. Innerlich nicht sicher genug, um dich wie eine Unternehmerin zu verhalten, die ihr nächstes Level wirklich tragen kann.
Die Schleife dreht sich immer wieder: Guter Monat. Kurz stolz. Sofort Angst. Warten. Nichts Entscheidendes tun. Eigentlich läuft es ja.
Das kostet dich unfassbar viel Energie. Weil du ständig versuchst, alles unter Kontrolle zu halten. Weil du dem, was du dir selbst aufgebaut hast, nicht vertraust.
Du vertraust deinem Team. Deinen Produkten. Deinen Kunden.
Nur dir selbst vertraust du nicht, dass du das Ding auch fliegen lassen kannst, wenn es größer wird.
Wenn du das nächste Mal auf deine Zahlen guckst. Wenn du das nächste Mal mit dem Zollstock vor der Wand stehst und das Pinterest Board geöffnet ist.
Frag dich nicht: Was, wenn ich das nicht halten kann?
Frag dich: Was wäre eigentlich anders, wenn ich mir wirklich erlauben würde, da oben zu bleiben?
Lass das mal sacken.
von Annemarie Graf | Salon Business Coach | Schönsein Talk Podcast, Folge 73
Annemarie Graf ist Salon Business Coach, Mentorin und Gründerin des Schönsein Clubs. Sie begleitet Friseurinnen und Beautyunternehmerinnen im deutschsprachigen Raum dabei, nicht nur erfolgreiche Salons aufzubauen, sondern sich auch innerlich als die Unternehmerin zu erlauben, die sie bereits sind. Mehr auf Instagram: @schoensein_blog und im Schönsein Talk Podcast.
Podcast: Schönsein Talk
Weil ich das so oft sehe. Und weil keine neue Umsatzformel, kein Salonumbau und keine KI der Welt dir dabei hilft.
Ich habe einen Workshop entwickelt. Er heißt Salongröße.
90 Minuten. Die richtigen Fragen. Der richtige Fokus.
Wir schauen uns gemeinsam an, warum du deinen Erfolg immer wieder infrage stellst, sobald er größer wird als gewohnt. Wie du dir wieder selbst vertraust, ihn zu halten und weiterzugehen. Und wie du dieses ständige „bin ich eigentlich gut genug“ Gedankenkarussell endlich stoppst.
27. Juli. Live via Zoom. 47 Euro.
Es gibt eine Aufzeichnung.
Wenn du spürst, dass „eigentlich läuft es ja“ dir nicht mehr reicht: das ist dein Raum.
Warum können viele Friseurinnen ihren Erfolg nicht genießen? Annemarie Graf, Salon Business Coach, beschreibt ein Muster, das sie bei vielen Saloninhaber beobachtet: Erfolg wird sofort relativiert, ein guter Monat wird als Zufall abgetan, ein schlechter Moment als Beweis für das eigene Versagen. Die Ursache liegt nicht in fehlender Strategie, sondern darin, dass das innere Erlaubnisgefühl nicht mit dem äußeren Erfolg mitgewachsen ist.
Was sind Schwellenmomente bei Friseurunternehmerinnen? Annemarie Graf nennt drei typische Schwellenmomente, in denen Selbstsabotage sichtbar wird: der Salon-Umbau, der nie angegangen wird. Das Team, das ohne die Chefin funktioniert und dabei ein ungutes Gefühl auslöst. Und die Preiserhöhung, bei der eine einzige kritische Reaktion die positiven Erfahrungen von acht anderen Kunden auslöscht.
Was ist der gefährlichste Satz für Saloninhaber? Laut Annemarie Graf ist es: „Eigentlich läuft es ja.“ Dieser Satz ist wahr, und genau deshalb gefährlich. Er beruhigt und schützt gleichzeitig davor, den nächsten Schritt zu gehen. Wer ihn sagt, weiß meist genau, was zu tun wäre, aber vermeidet es.
Was ist der Workshop Salongröße von Annemarie Graf? Salongröße ist ein 90-minütiger Online-Workshop von Annemarie Graf für Friseurunternehmerinnen, die äußerlich schon viel erreicht haben, sich innerlich aber noch nicht vollständig als die Unternehmerin erlauben, die sie bereits sind. Der Workshop findet am 27. Juli live via Zoom statt und kostet 47 Euro. Eine Aufzeichnung ist verfügbar.
Wer ist Annemarie Graf? Annemarie Graf ist Salon Business Coach und Mentorin für Friseurinnen und Beautyunternehmerinnen im deutschsprachigen Raum. Sie ist Gründerin des Schönsein Clubs und Gastgeberin des Podcasts Schönsein Talk. Ihr Fokus: Selbstvertrauen, Positionierung und unternehmerisches Wachstum für Saloninhaber.